„Little Hawaii in der Lausitz“

XXL KnapenMan 2017, Stefan Flachwoski, lässt für uns das Wochenende in Worten Revue passieren! 

Little Hawaii in der Lausitz – Sportfreunde, da hat der Knappe dieses Wochenende aber mal den ganz schweren Hammer ausgepackt…

Sportfreunde, da hat der Knappe dieses Wochenende aber mal den ganz schweren Hammer ausgepackt und so manchen Athleten damit so lange malträtiert, bis er der Versuchung erlegen und vom hitzegequälten Schlappschritt in den klassischen „Bring-Me-Home-Fußmarsch“ gewechselt ist.
Und das waren noch die angehmeren Ausfallerscheinungen, denn so mancher Sportler beendete seinen Kampf in der Lausitzer Gluthölle im Rettungswagen des Roten Kreuzes.
Ich gehörte auch zu den Sportlern, die eigentlich pünktlich mit dem Beginn der Laufstrecke damit anfingen, über alles und jeden herzuziehen, „…zu heiß, keinen Schatten, viel zu wenig Abkühlungsstellen…“.
Hatte ich Depp mich doch in der Tat am Vorabend von den angekündigten „Hawaii-Bedingungen“ verleiten lassen und mich 13 Stunden vor dem Start für die Langstrecke umgemeldet – zuvor hatte ich den Startplatz „unserer Sabine-G“ über die Mittelstrecke übernommen.
Aber hey, Roth vor paar Wochen war nix dolles, meine Saison neigte sich nach einem „übervollen Rennkalender“ mit zwei Starts seit Hawaii ’15 eigentlich dem Ende zu und seit ich aus China zurück bin und die Vorzüge des Lebens hier im Paradies wieder richtig wertzuschätzen weiß, kam der Bock auf Sport gemeinsam mit dem in Schwung kommenden Sommer die letzten Wochen ja noch einmal so richtig fett zum Ausbruch.
So hatte ich diese Woche bis zum Vorabend des Knappenman eine richtig schöne, aktive Woche, Sonntag bis Dienstag den morgendlichen Zehner mit dem Hund, abends immer gut zwei Stunden Intervalle auf dem Rad.
Mittwoch hinterfragte ich mich nach einer tollen Hügelrunde über gut viereinhalb Stunden mit mehrmaligen „Abballern“ der Stoppomatbergstrecke in der Elbregion Meißen, ob ich mit einem mickrigen Mitteldistanzrennen bei den vorhergesagten Hawaiibedingungen wirklich „beruhigt“ in den Herbst gehen kann?
Natürlich unmöglich!
Es mußte noch einmal ein Knaller zum Ende des Sommers her!

Samstagmorgen, 6 Uhr wuselten die knapp 60 „Knappenmänner“ in der Wechselzone – einer gemähten Wiese – wie in den guten alten Zeiten herum.
Hier wird noch alles am Rad deponiert und Nackschimen/-women sind an der Tagesordnung.
Zelte sind hier am See noch zum Campen da, nicht zum „versteckten Umziehen“ vor, während, nach dem Rennen.
Eine Nummernzuteilungen für die Radstellplätze?
Papperlapapp!
Jeder parkt seinen Carbonliebling genau da, wo er es für „sie und sich“ am Schönsten findet.
Zehn Schritte entfernt steht eine Batterie Dixiklos.
Anstellreihen, fehlendes Klopapier oder der Griff im Dunkeln auf vollgesüffte WC-Deckel?
Soll wohl anderswo zum Vorstartritual gehören wie das Luftaufpumpen, hier muß man darauf „leider“ verzichten, alles tipptopp!
Und dann gings auch schon los – mit Sandstrandsprint in den knapp 22°C kühlen See. Vorne links die glutrot aufgehende Sonne, Standup-Paddler begleiten die Truppe.
Ich habe die kompletten zwei Runden meinen „eigenen“ Guide, lediglich beim Strandsprint nach der ersten Runde bleibt meine Begleiterin im Wasser.
Trotz null Tagen Tapern – meine Theorie war, dass ich beim Schwimmen sowieso merken werde, was geht und ob ich einfach einen schönen, langen Trainingstag in der Sonne absolvieren oder doch Vollgas bis nix mehr geht geben werde – es läuft super!
Das merke ich bei jedem Kraulzug und so forme ich meine Rennstrategie für heute in der zweiten Runde:
„VOLLES BRETT BIS NIX MEHR GEHT, HALLELUJA!“
Auf dem Rad finde ich sehr bald einen Mitstreiter und Orientierungspunkt, alleine wäre es sonst ein verdammt einsamer Tag über die 6 megaschnellen Runden geworden.
So hatte ich bis Kilometer 140 immer Gesellschaft.
Die Abstände nach hinten wurden am Anfang immer kürzer, um dann ab Kilometer 100 spürbar anzuwachsen – jetzt schlug „Little Hawaii“ zu – nur alle 30 Kilometer gab es einen Verpflegungspunkt und wer hier „durchbretterte“ und diesen nicht ausreichend wahrnahm, bekam die gewonnen Sekunden kurz darauf in Minuten zurück geschenkt.
Bei mir lief es unverändert geil, aber ich weiß, dass mein Mitstreiter aktuell mit einer bombastischen Laufüberform unterwegs ist – Halbmarathon in 73 Minuten – also legte ich jetzt den Schalter um und fuhr die letzten Kilometer richtig zackig.
War übrigens meine erste Ausfahrt in ’16 mit Tacho und es war richtig so, endlich sah ich „39“ oder „42“ auf der Tempoanzeige und ich muß zugeben, in Kombination mit dem Bumms in den Beinen motiviert dieser kleine Bildschirm mächtig gewaltig!
Und so ging’s mit Schwung und nach 5:35 Stunden Renndauer auf die Laufstrecke.
Leider hielt dieser „Schwung“ exakt 5 Kilometer, dann rannte ich vor die Wand, fühlte mich wie ein Frühstücksei im Kochtopf, dass niemand aus dem siedenden Wasser nehmen wollte und so weiter gebruzzelt wird.
Logischerwiese wurde ich jetzt rasch „kassiert“ und entschloss mich, zumindest den Halbmarathon durchzustehen, mich wie erhofft an den Verpflegungspunkten runterzukühlen und dann mit der Gewissheit eines geilen, langen Trainingstages unter Hawaiibedingungen heim zu fahren und von Kona 2018 zu träumen.
Dieser Gedanke trieb mich die zwei Runden von Wasserstelle zu Wasserstelle.
Dort wurde jedes Mal gestoppt und statt zweier lausiger Schwämme beugte ich mich komplett in den Bottich und plitsch-platsch ging es danach weiter, um nach einem knappen Kilometer wieder ausgedörrt auf die nächste Erfrischung zu hoffen.
Schon allein wegen der bekannten Abstände war Gehen keine Option, das dauert dann ja noch länger und ein bissl joggen geht immer, ist irgendwann zu 100% eine reine Kopfsache.
Der Halbmarathon war recht bald rum und nun ist das aber so eine Sache mit dem Aufgeben.
Die Zuschauer brüllen sich die Kehle aus dem Leib, der fanatische Sprecher peitscht dich vorwärts und Zeit haste ja auch bis abends eingeplant.
Also weiter, denn eigentlich ist es – abgesehen vom Slow-Motion-Speed“ so geil hier!
Kurz darauf passierte ich den bis eben Führenden wieder, auch er kämpft gegen die Überhitzung, fällt kurz danach um und ist draussen (aber hier ist es wie bei einem Turner, der im Training vom Gerät stürzt und gleich wieder ran geht, Nico ist eben auf der Anfahrt zum Knappenman-Sonntag und wird am nachmittag die Olympische einfach nur finishen, dass braucht er jetzt für seinen Kopf. Terminator reloaded…)
Richtig besser ging es mir aber auch nicht, also brauchte ich Ablenkung von den Schmerzen und bat mir meinen Begleitradler, immer wieder mal die Temperaturen von seinem Biketacho vorzulesen.
Die „schattige Passage um Kilometer 33 liest er vor „34 ne warte, 33,5 Grad“.
Im „Energy Lab“ zwischen Kilometer 34 und 40 kann er sich nicht entscheiden, ob es 36 oder doch 38°C anzeigt, das Display ist in der knalligen Sonne einfach nicht mehr zu erkennen.
Und alle 2.500 Meter das selbe Ritual: Abstoppen, 36 oder 38 Grad warme Coke wie Magentee inhalieren, mit vollem Mund parallel bis zum Bauchnabel vornüber in den Schwammbottich für 5 Sekunden abtauchen, danach weiter, jeder Schritt ein neuer Krampf&Kampf.
Aber es kann nur ein Ziel geben: „Auf zur nächsten Tränke!“
Nach knapp 9 Stunden hab‘ ich’s dann geschafft, was gestern 15:59:52 Uhr noch die Hölle war, zeigt heute schon erste Ansätze zur „Mythosbildung“.
Und seither reden wir hier in der Familie wieder verstärkt von Hawaii…

Was für ein geiler Sport, es geht immer weiter!

Danke Stefan, für diesen schönen Text!